Jean Valjean (Hugh Jackman) wird aus der Haft entlassen und lässt dank der Hilfe eines gutmütigen Kirchenmannes sein altes Leben hinter sich, um ein geachteter Bürger und dann sogar Bürgermeister zu werden. Ständig auf der Flucht vor seinem alten Leben, stolpert er über die kranke Fantine (Anne Hathaway), für deren Schicksal er sich verantwortlich fühlt und verspricht, sich nach ihrem Tod um ihre Tochter Cosette (Amanda Seyfried) zu kümmern. Gejagt vom Polizeiinspektor Javert (Russell Crowe) lebt Jean Valjean mit Cosette im Verborgenen, bis sich Cosette in einen jungen Revolutionsanhänger verliebt.

An sich ein sehr beeindruckender Film mit grandiosen schauspielerischen Leistungen der meisten Beteiligten. Neben Anne Hatherway, Hugh Jackman und Russell Crowe merkt man dann doch, dass eine Amanda Seyfried oder ein Eddie Redmayne noch eine Menge zu lernen haben. Ein wirklicher Talentausfall ist allerdings auch nicht dabei. So halten sich alle im Maß von "grandios" bis "gut". Bei den Gesängen ist es ähnlich.

Das Problem mit der deutschen Version
Gewarnt sollte der sein, der nicht weiß, dass "Les Mis" so gut wie keinen gesprochenen Dialog beinhaltet und nahe zu die komplette Handlung gesungen wird. Im Deutschen sieht das wie folgt aus: Alle Gesangspassagen sind grell, groß und weiß untertitelt, was in einigen, düsteren Szenen mehr als störend ist, allerdings unverzichtbar für die, die der englischen Sprache nicht mächtig sind. Zwischendurch, alle 20 Minuten ungefähr werden dann 5-10 Sätze synchronisiert gesprochen, dann geht es weiter mit der Musik - untertitelt versteht sich.
Nun fragt man sich: Was soll das? Warum muss man die paar Sätze synchronisieren und kann die nicht auch einfach untertiteln? Ich betone erneut, dass 95% des Films gesungen wird und dadurch 95% des Filmes untertitelt sind. Wer schert sich da um die paar Sätze mehr oder weniger? Es ist sogar sehr störend plötzlich eine Synchronstimme zu hören, wenn doch im Gesang die ganze Zeit die Originalstimme zu hören ist. Es reißt einen aus dem Film und zerstört ein wenig die Illusion. Erst recht, wenn teilweise mitten im Lied einzelne, gesprochenen Sätze auf deutsch synchronisiert sind. Ich möchte anmerken, dass bei "Les Mis" die Songs LIVE beim Dreh des Filmes gesungen wurden. Es ist normalerweise üblich, dass die Lieder vorher im Studio aufgenommen werden und beim Dreh dann nur die Lippen bewegt werden. Hier wurde alles on-the-fly gemacht, was ein extra großes Lob verdient. Das macht die Übergänge von Dialogszenen und Gesang viel flüssiger. Alles wirkt so viel natürlicher und echter. Genau dieses Gefühl zerstört in der deutschen Version allerdings die Synchro.
Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, den kompletten Film auf Deutsch zu machen. Das Musical wurde in Deutschland mit deutschen Texten aufgeführt. Wir haben in Deutschland unzählige Musicaldarsteller, die sowohl eine Schauspielausbildung (benötigt fürs Synchronsprechen), als auch eine Gesangsausbildung erfolgreich abgeschlossen haben. Disney machte es vor, dass man sogar ähnliche Stimmen finden kann, sodass die gesprochene Stimme die Standard-Synchronstimme sein kann und die Gesangsstimme eine sehr ähnlich klingende. Auch die BluRay/DVD wäre viel reizvoller, hätte man verschiedene Sprachfassungen auf der Scheibe. Aber nein. Und warum verzichtet man auf Qualitätsarbeit? Genau, wegen dem Geld. Nachdem "Phantom der Oper" 2004 mit der Eindeutschung der Lieder ziemlich gegen die Wand fuhr (zu hohe Kosten, viele Fans waren enttäuscht und wollten den O-Ton haben), wurde in weiteren Musicalfilmen darauf verzichtet die Songs einzusingen. Mehr als Schade, wie ich finde, da so die grandiosen deutschen Texte in Vergessenheit geraten. Wie genial wäre denn bitte der "Mamma Mia"-Film mit deutschen Liedern gewesen? Oder "Hairspray"? Einfach nur schade.
Wie auch immer, Kern meiner Ursprungsaussage ist: Bei "Les Mis" macht eine Teil-Synchro keinen Sinn. Fertig.



Distanz fehlt, zu viele Storybögen, kaum Spannung
Der Film macht noch eine entscheidene Sache falsch. Er schafft keine Nähe zu den Protagonisten. Zwar bekommt so gut wie jeder Charakter sein eigenes Liedchen, welches ihn erfassen und greifbar machen soll, sodass der Zuschauer seine Motive oder seine Gedanken besser versteht (Fantine: "I dreamed a dream", Éponine: "On my Own") und dennoch funktioniert es nicht so recht. Man wird von einem Storybogen in den nächsten geworfen und fragt sich den kompletten Film über, wo das alles eigentlich hinführen soll, denn es gibt kein wirkliches Endziel, auf das man hinfiebert. Man fragt sich, hoffe ich jetzt, dass Jean Valjean gut wird? Dass er Javert entkommt oder belehrt? Dass er es schafft Cosette zu beschützen? Dass Cosette und Marius zusammenkommen? Dass die Barrikadenaufstände erfolgreich verlaufen? Dass... man weiß es einfach nicht. Man stolpert so durch den Film, aber einen wirklichen Roten Faden sucht man vergebens. Nachdem (SPOILER) Anne Hatherways Charakter, Fantine, dann auch nach 30 Minuten stirbt, will man sich auch nicht so recht auf die anderen Charaktere einlassen, zumal man sich den gesamten Film über fragt, wer eigentlich der Sympathieträger sein soll und wen man triumphieren sehen will und wen nicht.(/SPOILER) All das führt dazu, dass die gesamte Story mit ihrer Komplexität definitiv beeindruckt, aber leider auch komplett überfordert. Ich persönlich habe das Musical nie live gesehen und betrachte das alles nun lediglich aus der Perspektive des Kinogängers, der vorher keine Ahnung hatte, um was es dort geht. Der Film ist teilweise echt düster und frustrierend, allerdings spielen Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter die Rolle des Hanswurst-Pärchens grandios. (Nach dem Film hatte ich direkt Lust beide wieder in "Sweeny Todd" mit Johnny Depp zu sehen.) Ich will auch nicht behaupten, dass es keine Spannung in diesem Film gab! Die Barrikadenkämpfe an sich, der Schusswechsel - das war wirklich nervenaufreibend. Und auch einige Szenen zwischen Jean Valjean und Javert. Nur verlieren sie im Ausmaß des Filmes an Bedeutung.

Noch 1, 2 Worte zur Musik: Die widerkehrenden Motive sind wirklich klasse, allerdings ermüdet es auch irgendwann, wenn gen Ende jeder Charakter mal seinen Text auf die Melodie von "I dreamed a dream" gesungen hat und man wünscht sich etwas mehr Frische. Stellenweise will man auch rufen "Hugh, du bist ein klasse Sänger, aber es gibt eben Töne, die auch dir zu hoch sind." oder "Amanda, in 'Mamma Mia' funktionierte es doch - warum vergisst du jetzt immer zu spielen, wenn du singst?" Auch nicht JEDER hätte, wenn es nach mir ginge, sein Solo-Liedchen trällern müssen. Javerts "Stars" war dermaßen belanglos und unwichtig für den gesamten Film und dessen Handlung... RAUS DAMIT. Auch Marius' "Empty Chairs At Empty Tables" war viel zu dick aufgetragen und passte nicht ins Gesamtbild. Nicht zuletzt, weil Eddie Redmayne in dieser Szene schauspielerisch komplett überfordert wirkt. Im großen und ganzen sind aber grandiose Songs dabei, die leider aber fast alle in der ersten Filmhälfte liegen. "Look Down", "At the End of the Day", natürlich "I dreamed a Dream" und "On my Own", aber auch "Who am I?" bilden mit "One Day More" die Basis eines hervorragenden Soundtracks. Auch die spartnisch arragierten Instrumentals während der handlungstragenden Lieder passten perfekt und bildeten ein ausgewogenes Gesamtbild mit den großen Orchesternummern.

Nun, nachdem ich die Songs etwas besser kenne, mir sowohl den Film OST, als auch das deutsche Cast Album gekauft habe, würde ich den Film gern erneut schauen. Ich denke, trifft einen der Film komplett unvorbereitet und erwartungslos, überfordert er einen einfach ziemlich. Für Fans des Stückes denke ich aber, ist das eine sehr zufriedenstellende Verfilmung. Gigantisch, pompös und trotzdem unverfälsch echt und natürlich.

8/10